Ernährungspyramide_2

Sarah_1Am Anfang war ein Holzweg – ein Weg der nicht weiterführt.

Nach nicht einmal zwei Wochen Beratung in der Universitätsklinik Basel, in der ich als Ernährungstherapeutin arbeitete,  war mir klar: „Als Beraterin bist du gescheitert! So geht es nicht!“ Gottlob, so sage ich heute, habe ich meine ersten Schritte als Beraterin mit Kindern getan, denn Kinder sind ehrlich und reagieren ganz sensibel auf ihre Welt und die Menschen in ihr, so auch auf mich.  Sarah, eine meiner ersten Patienten, die ich betreute, sagte mir damals Worte, ohne die ich mich wahrscheinlich niemals aufgemacht hätte, eine GUTE Beraterin werden zu wollen. Es waren Worte, die mich lehrten, mich neben meiner FACH-Expertise in Ernährungswissenschaften und vielen medizinischen Indikationen, meinen theoretischen Kenntnissen in Beratungs-Methodik und Kommunikation, auch zwingend mit menschlichem Lernen, Pädagogik und Psychologie beschäftigen sollte, bevor ich den Menschen ins Intimste ihres Lebens eingreife, ohne wirklich zu verstehen, was da vor sich geht. Sarah sagte: „Das was Du  mir SAGST, kann ich nicht, will ich nicht, mach ich nicht. Du bist so gemein, denn ohne zu essen was ich mag,  ist das Leben nicht mehr schön. Ich komm nicht mehr!“ Liebe Sarah, ich danke Dir von Herzen für diese berechtigten und ehrlichen Worte. Ja, ich erklärte, sagte was gut und richtig ist, gab Empfehlungen, händigte Pläne aus, aber was ich nicht tat: Ich habe Dich nicht BERATEN, sondern Dich aufgeklärt, informiert. Ein Riesenunterschied. Ich danke Dir, dass Deine klaren Worte, mir halfen, zu SEHEN und zu VERSTEHEN.“

Ich hatte zwei Möglichkeiten damit umzugehen.

1. ) Ich schiebe die Schuld zu Sarah und sage, dass sie ein „Compliance-Problem“ hat. Das war damals vor 25 Jahren so üblich, wenn Patienten nicht artig befolgten, was die Götter in Weiß oder Ernährungsberater von ihnen erwarteten.

2.) Ich überdenke meinen „Beratungsansatz“ vollkommen neu.

Ich enschloss mich für die zweite Variante. Sarah war 8 Jahre alt, hat sich vollkommen in meine Hände gegeben, mir vertraut. Ein junges Menschenkind, was nicht, nicht folgsam sein möchte, sondern das ich in seinem Menschsein einfach nicht wahrgenommen hatte. Meine Form von Beratung hat das sensible Beziehungsband zwischen mir und Sarah bereits nach der ersten Stunde empfindlich gestört.

Mit Sarah´s Offenheit und Direktheit habe ich erkannt: Nicht meine kleinen Patienten, von denen Sarah nur eine von Vielen war,  hatten ein „Compliance-Problem“, sondern ich ein ernsthaftes Kompetenzproblem. Bis dahin glaubte ich, dass Beratung dasselbe war, wie informieren, Wissen vermitteln, Empfehlungen geben, die Einhaltung von Maßnahmen zu kontrollieren, Pläne aushändigen, zu erklären, zu zeigen, wie es geht und vieles andere mehr. Nur: Meine Patienten fanden das weder hilfreich noch nützlich oder NOTwendig. Viele sagten mir auch schon damals bereits: „Erklären Sie mir bloß nichts über gesunde Ernährung. Ich WEISS alles, aber das nützt mir nichts!“
Sie verstanden einfach  nicht wo der (R)AUSweg war und schafften einfach nicht umzusetzen, was ich für sie für richtig hielt. Ich habe sie nicht erreicht, trotz all der netten spielerischen Materialien, die ich mir bereits damals ausgedacht habe, aber kaum einen anderen Zweck hatten, als Wissen abzufragen oder Informationen hübscher und Kind gerechter zu verpacken.

Wissen ist nicht können und können nicht gleich tun.

Wir essen mehrmals täglich, viele Jahre und sind unsere Weise es zu tun gewöhnt. Unser Ess- und Ernährungsverhalten ist sowohl SINNVOLL, als auch NÜTZLICH, auch wenn sich dieser positive Zweck nicht immer sofort offenbart.
Doch Eines war schon während meines Studiums klar: Neu lernen und Umlernen benötigen Zeit, denn: Sagen ist nicht gleich hören und hören nicht gleich zuhören. Zuhören ist nicht dasselbe wie anwenden und das ist noch längst nicht beibehalten. Also hörte ich auf zu predigen, zu erklären, hörte auf zu belehren und zu informieren, hörte auf, die ganze Zeit zu reden und begann zuzuhören und zu lernen, was echte Hilfe zur Selbsthilfe tatsächlich bedeutet, denn diesen Satz kannte ich als Mantra bereits aus dem Studium, nur, was er tatsächlich bedeutet, das wusste ich am Anfang meiner Beratungskarriere nicht.

Ich machte mich nach Sarah´s Satz also 1990 auf meinen Weg, eine BERATERIN zu werden. Neben sehr vielen Fort- und Weiterbildungen und Abschlüssen in Pädagogik und Psychologie sage ich hier gerne etwas zu den wohl wichtigsten Lehrern, die ich je hatte. Das WESENTLICHSTE, was Mensch SEIN, Mensch WERDEN, LERNEN und VERSTEHEN anbelangt, was einen GUTEN Lehrer/Berater/Coach ausmacht, das lernte ich von meinen kleinen Patienten zwischen Null und 18 Jahren. Herzlichen Dank dafür! Und wenn ich einen Wunsch frei hätte, ich wünschte mir Berater, die Ihre Berufstätigkeit bei Kindern beginnen, oder mit eigenen Kindern sofort an die Grenzen des MACHbaren und HERStellbaren kommen. Es hilft, vom hohen Fachexpertenthron hinabzusteigen und auf Augenhöhe zu gehen, mit Menschen, die uns ihr ganzes Vertrauen schenken und bei uns wirkungsvolle Hilfe suchen.

Ohne Achtung vor der „persönlichen Logik“ menschlichen Handelns, ohne die Erkenntnis selbst ein Lernender zu sein, hätte es das methodisch-didaktische Modell heute mehr bekannt als aid-Pyramide wohl niemals gegeben.

Sarah_2

Sarah vier Jahre später, als Sie nochmals bei mir vorbeikam, um mir zu berichten, wie es ihr ergangen ist, nachdem wir doch noch einige Monate zusammen gearbeitet hatten. Sie schenke mir die beiden Fotos.

 

 

 

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