Emotionalisierung und Essen

10. Januar 2017

EmotionalESSHaben Sie die neue Aldi-Werbung, die Lidl-Werbung, die Edeka-Werbung, die Rewe-Werbung gesehen?

Ist Ihnen etwas aufgefallen?

Ja, diese Werbung ist hochemotional! Es geht um „das Wesentliche“, um „Zeit miteinander“, um Liebe und echte Aufmerksamkeit, es geht um Zugehörigkeit, ja, Werbung weckt Sehnsüchte nach der guten Welt…. und das umso mehr, je mehr Menschen sich entmenschlichen und auf etwas ganz Wesentliches, nämlich Emotionen verzichten!

Heute rief mich eine Mutter an. Sie war schon einmal vor 10 Jahren bei mir, weil das jüngste Kind massive Essprobleme hatte. Wir haben zwar in 3 Zeitstunden sehr gut gearbeitet und ich konnte auch ein wenig Elternarbeit machen, doch die Zeit war sehr kurz, um überhaupt etwas zu bewirken…. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Das Kind ist jetzt in der Pubertät, wiegt über 90 kg und hat bereits viele „Therapien“ hinter sich. Das letzte was gemacht wurde ist eine „Kur“. Sie WISSE zwar alles, doch seit der Kur hat das Mädchen jetzt noch mehr Gewicht, als vorher. 20kg Zunahme in einem einzigen Jahr.

Und was hat das Ganze mit Emotionen zu tun? Auf meine kleine Frage an die Mutter: „Und wer kauft denn die ganzen Süßigkeiten, die X heimlich futtert, ein?“ antwortet Sie: „Na ich, aber Sie wollen mir doch nicht sagen, dass meine älteste Tochter jetzt BESTRAFT werden soll, nur weil die Kleine dick ist.“ Und ein paar Sätze weiter: „Es geht mir um die GESUNDHEIT, meine ältere hat ja keine Gesundheitsprobleme.“

Diese scheinbar rationalen Sätze haben es in sich:

Das Wort BESTRAFUNG suggeriert, dass Essen eine BELOHNUNG darstellt.
Es suggeriert beim betroffenen Kind: Ich werde bestraft, ich werde nicht geliebt, ich bin neidisch auf meine Schwester, ich werde ungerecht behandelt…
und das Wort GESUNDHEIT? Dem Kind geht es um Alles, aber nicht um seine Gesundheit! Es geht um Liebe, um Ängste, um dazugehören, um Lebensbewältigung, und eben NICHT um Gesundheit, wenn sie heimlich isst. Und mal im Ernst: Ist GESUNDHEIT als höchstes gut mehr wert, als das Kind? Gibt es überhaupt ein Lebensmittel, das per se „gesund ist“? Und was erreicht die Mutter mit ihren Gesundheitsapellen, bei Tisch und wenn sie ihre Tochter beim Naschen „erwischt“? Doch nur, dass das Kind heimlich ist, dass das Kind sich selbst „die Schuld“ gibt, sich mit ESSEN GUTES tut und bei Tisch gewiss nicht isst, was die Mutter „gut und richtig findet“, sondern gerade das eben nicht – und zwar mit Wut im Bauch wegen der permanenten Ernährungserziehung und weil man sämtlicher Selbstbestimmung beraubt ist, sich sonst „ausgeliefert“, „klein“, „ohnmächtig“, „als Marionette“ etc. fühlt oder ähnliches…! usw.

Ja, ich behaupte, dass wir es mittlerweile der Werbung überlassen haben, emotional zu sein und zu unseren Gefühlen zu stehen, sie zu zeigen, sie auszudrücken. Wir scheinen ja sooooo rational und aufgeklärt zu sein, bei Tisch und in Ernährungsfragen, doch im Grunde ist die Menschenwelt immer auch emotional; also auch das Essen. Doch während die Werbung mit heiler Welt und wunderbaren Emotionen zum „Konsumtisch“ bittet, ist die Atmosphäre, ist die Stimmung bei Tisch bereits im Vorfeld vergiftet, noch bevor das gemeinsame Mahl begonnen hat….

Emotionale Werbung wirkt! Auch NEGATIVE 🙂

Wie kommen wir also auf die irrige Idee, dass wir losgekoppelt von Emotionen ESSEN und uns ERNÄHREN können, damit nur erreichen, dass Essen und Ernähren immer mehr mit NEGATIVEN Gefühlen behaftet ist, und zu glauben, dass uns das zu „vernünftigen“ Essern macht und trotzdem nicht essen, was GESOLLT ist; um uns auf der anderen Seite von der Werbung die heile, hochemotionale Welt einimpfen zu lassen und zu konsumieren, was GEWOLLT ist, von den Firmen, die uns etwas „Gutes“ verkaufen wollen….

 

Und was ist mit Emotionen in der Ernährungskommunikation los? Wird uns nicht jeden Tag gesagt, was GUT für uns ist, was wir SOLLEN, DÜRFEN, was wir nicht tun sollten, um GESUND zu bleiben? Natürlich sind diese „Fakten“ auch emotional? Sie machen ein schlechtes Gewissen, sie schüren Angst etwas falsch zu machen, sie erklären uns zu Tätern, wenn wir diesen „Regeln“ zuwiderhandeln…Täter gegen unsere Gesundheit.

 

Und was hat das für Folgen?
An den Verhaltensmustern der Menschen ändern solche mit negativen Emotionen behafteten Botschaften nichts, aber eines erreichen sie mit Gewissheit: Zusätzlich zum Verhalten, das Menschen nicht einfach so mir nichts, dir nichts ändern können, fühlen sie sich jetzt obendrein auch noch schlecht….
Und das, diese „schlechten Gefühle“ beim Essen, meine Damen und Herren könnte durchaus ihre Gesundheit ruinieren….

und…die Konsumindustrie freut sich über diesen Irrsinn, denn damit konsumiert der willige Kunde gerne das, was ihm GUTE Gefühle macht – also sicherlich nicht das, was er „sollte“, „müsste“ nur weil es „gesund“ sein soll…

Ja, ich bin dafür, dass Essen wieder emotional wird und wir aufhören aneinander herum zu erziehen, um „bessere Esser“ aus „de Anderen“ zu machen.

Ja, ich bin dafür, dass Essen wieder emotional wird und wir sagen, wie es uns mit Essen, nicht essen, so essen, das essen und Co. so geht. Allein die Frage „Was schmeckt mir denn wirklich?“ scheinen sich viele noch nicht einmal mehr zu stellen, geschweige denn: „Wer oder was macht mich wütend/ängstlich/hilflos/traurig – so wütend/hilflos/traurig/ängstlich, dass ich essen muss, oder eben nicht esse, um mit diesen unangenehmen Gefühlen umzugehen….“

Ja, ich bin dafür, dass wir mit Essen so umgehen, wie es uns die Werbung lehrt: Ein GUTES Gefühl beim Essen kann uns genauso positiv prägen, wie ein NEGATIVES Gefühl und…wir Menschen wollen uns GUT fühlen und das ist ausnahmsweise mal ganz unemotional FAKT, den mit dieser Strategie hat Mensch sein Überleben gesichert 🙂

 

 

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