Angst und Ernährung Teil 1 – Machtmittel

20. Februar 2017

profeat_1Wir kennen es von den Populisten. Das Machtmittel Angst. Erst ängstigen, dann wie in einem guten Horrorfilm die Katastrophe greifbar, spürbar, sichtbar zu machen um dann – tara – den heilsbringenden Retter präsentieren.

Wir kennen dieses Phänomen auch von den Leuten, die gerne in Pippi Langstrumpf-Manier mit Hilfe der postfaktischen Realität ihre eigene Weltsicht kreieren, getreu dem Motto: Ich machmir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt. Auch sie spielen gerne mit Angst und Drohgebärden, insbesondere dann wenn Leute ihrer Weltsicht nicht folgen wollen.

Doch was hat das mit Ernährung zu tun?

Kennen Sie Sprüche wie:

„Unsere Böden sind ausgelaugt“, „wer nicht auf seine Ernährung achtet, wird krank“, „Kaffee entwässert“, „dies ist gesund, jenes ist ungesund“ „Unsere Lebensmittel enthalten keine Vitamine mehr“ „Cholesterin verstopft die Gefäße“, „wir sind alle übersäuert“, „Nahrungsmittelallergien nehmen zu“, „Kohlenhydrate machen dick“, „Zucker ist das neue Gift“…uaaaah – merken sie schon die Bedrohung? Bekommen Sie schon Angst?

Und auch in der Ernährung wird das Ganze dann gesteigert und eine Art Katastrophen-Szenario aufgebaut, nicht immer direkt – es geht auch subtiler: Um gesund zu bleiben müssen wir uns gesund ernähren (heißt – wer sich nicht gesund ernährt wird krank); Superfood sind supergesund (heißt – wer keine isst, gefährdet seine Gesundheit?). 5 Gemüseportionen am Tag sind wichtig für unsere Gesundheit (heißt das, wenn wir weniger essen werden wir krank?) oder „Fett macht fett“, „Kohlenhydrate machen dick“ oder „wer abnehmen will muss low-carb essen“

Die Liste dieser Botschaften ist lang und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie können diese beliebig erweitern.
Und wie bei den Populisten kommt dann die Rettung: Das Heilsversprechen, das Heilsprodukt, der Heilsbringer….

„Unser Produkt „verbrennt Fett“; „Unsere Diät hilft garantiert“, „wir wissen, was das richtige Maß, die richtige Mahlzeitenzusammenstellung, die richtige Ernährungsempfehlung ist“ uvm.

und siehe da: Mit der Angst und der Rettung ist auch im Gesundheitssystem gut Geld zu verdienen, denn Menschen lieben es, wenn sie sich in ihren Ängsten und Sorgen und Nöten verstanden fühlen und ernst genommen werden und sie lieben „einfache Lösungen“ – da kommen Heilsbringer rund um Ernährung gerade richtig!

Ich möchte Sie nicht entmutigen, aber ich sage es Ihnen trotzdem:

DIE Gesundheit gibt es nicht und nicht, womit sie herstellbar wäre. Griechen nannten Gesundheit ein Geheimnis….und diese Demut würde modernen Menschen auch ganz gut zu Gesicht stehen.
DIE eine gesunde Ernährung gibt es nicht und keine, die wenn befolgt, Gesundheit herstellt.
DAS eine gesunde Lebensmittel gibt es nicht, denn die alte Regel von Paracelsus gilt noch immer: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“

Doch es funktioniert trotzdem, Menschen auch im Ernährungsbereich zu Handlungen zu bringen und Dinge jenseits der Faktizität glauben zu lassen – eigentlich alles, was man ihnen erzählt. Es funktioniert deshalb, weil die Rattenfänger der Ernährungs- und Gesundheitswirtschaft ähnlich, wie Populisten, längst erkannt haben wie man Menschen mit Angst führt und zu folgsamen Konsumenten erzieht, denn bei Angst handeln Menschen noch wie in der Steinzeit -Doch dazu später.

Wie wusste schon R.W. Emerson zu sagen: Angst besiegt mehr Menschen als irgend etwas anderes auf der Welt.

Und D. Bonhoefer, der ja wirklich Grund genug hatte sich zu ängstigen: Den größten Fehler den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.